Bildung

Ulm und ihre Stadtgesellschaft sind geprägt durch eine vielfältige und bunte Bildungslandschaft. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, die Ulm als Stadt gestalten und prägen. Ganzheitliche Bildung ist ein zentraler Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit einer Stadt. Sie umfasst in Ulm die ganze Lebensspanne entlang der Bildungsbiografie – von der frühkindlichen Bildung, Kindergarten und Schule über Ausbildung und Studium, die berufliche Weiter- und Fortbildung, die allgemeine Erwachsenenbildung bis hin zur Bildung im Alter. Die Ermöglichung von Chancengerechtigkeit und Teilhabe von allen Menschen ist dabei ein zentrales Ziel. Dies gilt gerade auch im Kontext der Digitalisierung.

Digitalisierung hat den Zugang zu Wissen (u. a. durch OER, Creative Commons, Open Access, Open Science) grundlegend verändert und eröffnet den Menschen eine neue, fast schon unendlich weite Verfügbarkeit. Das führt zu immer neuen Lernanlässen und zu einer Expansion informeller Bildung. Lebenslanges Lernen bezieht sich nicht nur auf das Lernen in klassischen Bildungsinstitutionen. Bildung ist in allen Lebensbereichen 1 zu verorten. Neben formaler und non-formaler Bildung kommt dabei dem informellen Lernen – also dem „Lernen im Vorbeigehen“ eine besondere Bedeutung zu. Im Kontext der Digitalisierung können hier neben den klassischen Bildungsträgern vielfältige zivilgesellschaftliche Initiativen, Vereine und Kulturakteure bis hin zur Quartierssozialarbeit als Wegbereiter gesehen werden.

Mit der Ulmer Bildungsoffensive (Beginn im Jahr 2000) wurden und werden wichtige Grundlagen für den quantitativen und qualitativen Ausbau der Ulmer Schulen gelegt und seitdem auch in die Weiterentwicklung der digitalen Bildungsinfrastruktur investiert. Spätestens mit der Teilnahme am Landesprogramm Bildungsregionen Baden-Württemberg 2010 rückt in der Stadt Ulm die träger- und sektorenübergreifende Vernetzung im Bereich Bildung in den Fokus. Sie dient dazu, die Menschen, die in Ulm leben, auf ganz unterschiedlichen Wegen und unabhängig von ihrer Herkunft oder ihren sozialen Milieus Teilhabe auch in einer digitalen Welt zu ermöglichen.

Hier ist es hilfreich, dass in Ulm die unterschiedlichsten Akteure im Handlungsfeld Bildung bereits gut vernetzt sind und eng miteinander zusammenarbeiten – zum Teil auch mit den anderen Handlungsfeldern der Smart City Strategie wie Kultur, Gesundheit, Pflege und Sport oder Zusammenleben und Gesellschaft. Dies ermöglicht, handlungsfeldübergreifend Herausforderungen der Digitalisierung aufzugreifen, gemeinsam Ziele zu setzen und Lösungen zu finden. Beispielhaft steht dafür die Idee eines „Ulmer Bündnis in die digitale Welt“, welches im Rahmen der Bürgerbeteiligung der Zukunftsstadt 2030 (Abschlussbericht der zweiten Phase) entwickelt wurde mit dem Leitgedanken, für eine vernetzte und solidarische Ulmer Stadtgesellschaft einzutreten.

In den vergangenen Jahren wurde in Ulm ein solides Fundament für eine zukunftsfähige Entwicklung in Richtung Smart City gelegt. Nun geht es darum, die Digitalisierung weiter auszubauen und den damit einhergehenden Herausforderungen, nicht nur im Bildungsbereich, zu begegnen.

Herausforderungen

Soziale Ungleichheit und mangelnde Grundbildung - Digitale Spaltung
Digitalisierung wird neue Herausforderungen und Chancen, aber auch Lernanlässe und Lernzumutungen mit sich bringen. Unzureichende Medienkompetenz und digitale Souveränität, mangelnde technische Ausstattung, fehlende Zugänge zur digitalen Welt und unzureichende Unterstützung können mit dazu beitragen, dass Menschen überfordert oder abgehängt werden. Bestehende soziale Ungleichheiten und mangelnde Grundbildung werden durch diese Entwicklung möglicherweise verstärkt. Damit verbunden ist auch die Gefahr einer digitalen Spaltung unserer Gesellschaft. Über die einfache Frage der Nutzung bzw. Nicht-Nutzung digitaler Anwendungen hinaus, ist dabei auch die Art und Weise der Nutzung selbst in den Blick zu nehmen (Brandtzæg, 2011).

Mehr Ausstattung und mehr finanzielle Mittel - gemeinsames Vorgehen
In Ulm wird viel für eine flächendeckende digitale Ausstattung im Bereich Bildung getan. Dennoch besteht hier weiterer Handlungsbedarf bei der Ausstattung und Unterhaltung der technischen Infrastruktur. Nicht nur fehlende Mittel, sondern auch Trägervielfalt kann zu Problemen führen, wenn statt eines gemeinsamen trägerübergreifenden Vorgehens Konflikte um inhaltliche Vorstellungen und Ressourcen vorherrschen.

Fachkräfteausbildung, mangelnde Personalressourcen, Defizite in der Vermittlung von Medienkompetenz – Homeschooling benachteiligt finanziell schwache Familien
Weitere Herausforderungen bestehen in einer Lehrer- und Fachkräfteausbildung, die nicht ausreichend auf die Anforderungen einer digitalen (Arbeits-) Welt vorbereitet. Hinzu kommen mangelnde Personalressourcen und geringe Anreize, um die Defizite bei der Vermittlung von Medienkompetenz und digitaler Souveränität zu beseitigen. Das coronabedingte Homeschooling hat hier vielfältige Probleme (fehlende Qualifizierung bei Lehrenden, schlechte digitale Infrastruktur Zuhause, mangelnde digitale Bildungsinfrastruktur, fehlende digitale Bildungsmedien etc.) offenbart. Schüler*innen aus finanziell schwächeren Familien haben erschwerten Zugang zu Unterrichtsmaterialien und sind besonders betroffen vom Wegfall der Unterstützungssysteme. 2

Datensicherheit und Datenschutz - juristisch und ethisch
Digitalisierung und virtuelle Lebensräume bringen aber auch andere Herausforderungen mit sich. Der Umgang mit den eigenen Daten erfordert Wissen über Datensicherheit und Datenschutz sowie ein Verständnis der Bedeutung von Privatsphäre. Hier geht es nicht nur um juristische und technische Fragen, sondern auch um ethische Herausforderungen.

Cybermobbing etc.
Zudem werden soziale Probleme und Konflikte in die digitale Welt getragen, wo Dynamiken aber oft nicht berechenbar sind. Beispiele hierfür sind Formen der Ausgrenzung, Cybermobbing oder auch sexualisierte Gewalt unter Kindern und Jugendlichen. Mit Fake News und sogenannten Filterblasen zeigen sich weitere Herausforderungen. Neue digitale Anwendungen und die Erweiterung von Sozialformen in der digitalen Welt werfen auch zukünftig neue Probleme auf.

Geschäftsmodelle in die digitale Welt übertragen - Welt des freien Wissens
Eine Herausforderung besteht darin, dass sich etablierte Geschäftsmodelle im Bildungsbereich nicht einfach in die digitale Welt übertragen lassen. Hier steht die Vorstellung einer Welt des freien Wissens einem zum Teil proprietären Verständnis von Bildung, insbesondere im Bereich der beruflichen Weiterbildung, gegenüber. Wie können für Bildung auch in Zeiten von freiem Wissen und OER wirtschaftlich tragfähige Konzepte im digitalen Raum gestaltet sein?

Datenräume als kulturelles Erbe der Stadt
Mit der Digitalisierung von Bildung entstehen nicht nur funktionelle und wirtschaftlich verwertbare Daten, sondern auch Datenräume (ähnlich digitaler Archive), die zukünftig als kulturelles Erbe der Stadt und der dort lebenden Menschen gesehen werden. Wie kann man zukünftig auf dieses Erbe der Stadt zugreifen und wie kann dieses generiert werden? Sind hier einheitliche und gemeinsame Lösungen über verschiedene Handlungsfelder möglich?

Digitale Verweigerung Neben der Schaffung von flächendeckenden Zugängen durch ansprechende und zielgruppenübergreifende Bildungs- und Vermittlungsangebote besteht eine weitere Herausforderung bei der Digitalisierung darin, dass manche Menschen bewusst nicht an der Digitalisierung teilhaben möchten. Das wirft die Frage auf, ob es in Ulm ein Recht der Bürger:innen geben kann, sich dem Internet zu verweigern. Was würde ein solches Recht für die Stadt Ulm im Bereich Bildung, aber auch für andere Handlungsfelder implizieren?

Ausgehend von diesen Herausforderungen werden für die Smart City Strategie im Handlungsfeld Bildung im Folgenden die zentralen Ziele formuliert.

Ziele

Digitalisierung im Bereich Bildung muss sich in Ulm an der übergreifenden Handlungsmaxime von Chancengleichheit und Teilhabe aller Menschen messen lassen. Das bedeutet, dass kein Mensch bei der Digitalisierung zurückgelassen werden sollte. Bildung hat über alle Handlungsfelder hinweg die Aufgabe, Digitalisierung mit ihren technischen und gesellschaftlichen Folgen zu erklären, erforderliche (Medien-) Kompetenzen und in einem weiteren Sinne digitale Souveränität zu vermitteln sowie diese Entwicklungen kritisch zu reflektieren. Wichtig ist es, die Menschen zu befähigen, diesen Transformationsprozess im Sinne einer „Digitalisierung von unten“ in und für Ulm mitzugestalten. Digitale Technik und innovative Anwendungen selbst werden dabei wichtige Instrumente sein, um diese Ziele nachhaltig zu erreichen.

Kritische Begleitung, niederschwellige, vielfältige und trägerübergreifende Zugänge - Lebenswirklichkeit der Menschen
Die Ulmer Bildungslandschaft wird sich im Kontext der Digitalisierung weiterentwickeln. Sie sollte dabei aktuelle Frage- und Problemstellungen aufgreifen und die gesellschaftlichen Entwicklungen – gerade auch im Hinblick auf die Digitalisierung – kritisch und reflexiv begleiten. Sie sollte sich dabei weiter öffnen für die gesellschaftliche Vielfalt über alle sozialen Grenzen hinweg. Dazu sind niedrigschwellige, vielfältige und trägerübergreifende Zugänge und Angebote erforderlich, die an die Lebenswirklichkeit der Menschen anknüpfen und sie vor Ort in den Quartieren abholen. Diese Angebote müssen auf die Interessen und Bedarfe der Menschen hin ausgerichtet sein und für diese Gestaltungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten eröffnen und, wo notwendig, individuell fördern und unterstützen.

Langfristiger Ausbau der digitalen Infrastruktur - Bildung für mit und durch Digitalisierung für alle Generationen formal, non-formal und informell
Bildung als kommunale Aufgabe in Ulm setzt zunächst bei den Kindern und Jugendlichen an. Daneben lassen sich weitere zentrale Bildungsaufgaben entlang des Lebenslaufs identifizieren: Ausbildung und Studium erweitert um lebensbegleitende Fort- und Weiterbildungsangebote im beruflichen Kontext sowie die allgemeine Erwachsenenbildung und Bildung fürs Alter. Ziel ist es dabei, Bildung für die Digitalisierung, mit der Digitalisierung und durch die Digitalisierung für alle Generationen in formalen, non-formalen und informellen Lernkontexten zu ermöglichen. Dazu gehört zunächst der langfristige Ausbau der digitalen Infrastruktur für Bildungseinrichtungen sowie für den öffentlichen Raum.

Barrierefreie Zugänge, Stärkung innovativer digitaler Anwendungen - Öffnung für alle. Digitalisierung führt zu Bildungsinnovationen
Barrierefreie Zugänge und innovative digitale Anwendungen sind verschränkt zu entwickeln, die virtuellen Bildungsräume müssen inklusiv und für alle offen sein, um lebenslanges und lebensweites Lernen zu ermöglichen (z.B. Bildungsplattformen für Ulmer Schulen, Lernplattformen für andere Bildungsträger, Stadtbibliothek, digitales Stadtarchiv Ulm etc.). Das Internet der Dinge, künstliche Intelligenz, Virtual, Augmented und Mixed Reality stehen dabei erst am Anfang und müssen in Bildung konzeptionell eingebunden werden. Digitalisierung kann hier zu Bildungsinnovationen führen, bei denen z.B. im Sinne von digitalem Mentoring, Bildungsbots und KI gestütztes Lernen individualisierte Bildung unterstützt, was Teilhabechancen eröffnet und soziale Ungleichheiten ausgleichen kann.

Bildungsakteure bauen Barrieren und Hemmnisse ab - durch Vernetzung
Zudem sind die vielfältigen Bildungsakteure in Ulm gefordert, im Handlungsfeld Bildung bestehende Barrieren und Hemmnisse bei Angeboten und Aktivitäten abzubauen und sich damit weiter für neue Adressaten und Zielgruppen zu öffnen. Hier kann auf langjährigen erfolgreichen Kooperationen und gut vernetzten Strukturen aus dem Bildungsbereich aufgebaut werden. Beispielhaft sind zu nennen die Bildungsregion mit dem Bildungsbüro und seinem Projekt Bildungsnetzwerk Ulm/Neu-Ulm oder das Ulmer Netzwerk für Soziale Teilhabe und Bildung im Alter. Das Engagement der Digitalmentor:innen und der virtuellen Nachbarschaften steht zudem beispielhaft für eine solidarische Ulmer Stadtgesellschaft.

Erfolgreiche Verzahnung von analoger und digitaler Welt
Im Bildungsbereich werden in Ulm bereits erfolgreich die analoge und digitale Welt miteinander verzahnt. Durch neue Technologien werden Angebote digital aufgewertet, neu geschaffen oder erweitert. Virtuelle Lern-Communities können zukünftig an neuen Orten der Begegnung entstehen und zu öffentlichen und partizipativen Erfahrungs-, Kollaborations- und Lernräumen vernetzt werden. Das Verschwörhaus, die Stadtteiltreffs, die Stadtbibliothek, Jugend aktiv in Ulm, der Stadtjugendring und andere Bildungsakteure bieten dafür vielfältige Anknüpfungspunkte. Generationenübergreifend können in Ulm die Menschen so gemeinsamen lernen, ihre Stadt und ihr Leben aktiv mitzugestalten und zu erleben.

Mit anderen Handlungsfeldern zusammen denken
Bildung muss dabei auch mit anderen Handlungsfeldern zusammen gedacht werden, damit sie nicht nur Produkt, sondern auch Medium der Teilhabe ist. Dies gilt umso mehr in einer digitalen Welt.

Maßnahmen

Nummer

Titel

Beschreibung

01

Digitalmentor:innen

Unterstützung im Bildungsprozess durch Digitalmentor*innen, die Digitalkompetenzen vermitteln und eine Hilfestellung bei Fragen und Unklarheiten bieten.

02

Virtuelle Nachbarschaft

Abbau von Barrieren und Hemmnissen im Handlungsfeld Bildung durch die Schaffung von neuen Orten der Begegnung in virtuellen Nachbarschaften.

03

Bildungsbots

Unterstützung von individualisierter Bildung durch Bildungsbots.

04

KI gestütztes Lernen

Unterstützung von individualisierter Bildung durch KI gestütztes Lernen.

05

Virtuelle Lerncommunities

Schaffung von virtuellen Lerngemeinschaften als neue Orte der Begegnung.

06

Ulmer Bildungsoffensive

Die Ulmer Bildungsoffensive umfasst den quantitativen und qualitativen Ausbau der Ulmer Schulen.

07

Digitale Bildungsangebote

Bereitstellung von Bildungsangeboten in digitaler Form (OER, Technik, Didaktik, rechtliche Aspekte).

08

Gamification

Lernen durch spielerische Integration von digitalen Medien.

09

Offene Bildungsplattform

Schaffung einer offene Bildungsplattform für den generationenübergreifendem Austausch von Wissen, Erfahrungen und Kompetenzen.

10

AGs zu Programmiergrundlagen

Einrichtung von Arbeitsgruppen zu Programmiergrundlagen zur Vermittlung von Kompetenzen, die u.a. in Ausbildung und Beruf verwendet werden können.


1

Konzept von lifewide learning, (Zhuang, 2017)

2

Bildungsmonitor der Stadt Ulm, 2020