Rettung und Katastrophenschutz

Das Ulmer Rettungswesen ist im Dauereinsatz. Allein die Crew des Rettungshubschraubers „CHRISTOPH 22“ flog 2019 1.447 Einsätze 1, die Feuerwehr rückte 2018 2.049 Mal aus2 und unzählige Rettungseinsätze wurden absolviert. Das DRK Ulm/Alb-Donau verzeichnet ca. 80.000 Einsätze und Transporte jährlich. Dabei ist es mit der Erledigung der Einsätze selbst noch nicht getan. Entlang der Rettungskette stehen viele Aufgaben an, die von verschiedenen Akteuren durchgeführt werden müssen, um erfolgreich Menschenleben zu retten oder auch Katastrophen abzuwenden. Die Zusammenarbeit dieser Menschen so reibungslos und synergetisch wie möglich zu gestalten, ist im Rettungswesen und im Katastrophenschutz unabdingbar. Schnittstellen sollen digitalisiert und automatisiert werden. Dieser Anspruch soll weiter steigen, indem ein gedanklicher Wechsel vom Notfall zur Versorgung stattfindet. Dies inkludiert vor allem auch psychische Traumata. Es soll erreicht werden, Menschen mit psychischen und physischen Verletzungen zielgerichtet, umfassend und erfolgreich zu behandeln und dabei das Zusammenspiel der beiden Ebenen ausreichend zu berücksichtigen 3. Durch neue digitale Möglichkeiten und Technologien können bestehende Barrieren abgebaut werden, beispielsweise in schwer erreichbaren Gebieten entlang des Albabstiegs oder in ländlichen Gebieten mit weiten Wegen. Dies sichert gleichwertige Lebensqualität und Rettungschancen und fördert damit die Angleichung zwischen Stadt und Land. Im Bereich Katastrophenschutz können prädiktive Analysen helfen, rechtzeitig passende Maßnahmen zu ergreifen und entstehende Katastrophen zu verhindern oder die Auswirkungen drastisch zu reduzieren. In Summe führen die Ansätze und Projekte zu einer steigenden Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger, vor allem in Bereichen des Schutzes, der Rettungsqualität und der allgemeinen Sicherheit.

Herausforderungen

Im Bereich der Blaulichtorganisationen (v.a. der Feuerwehr) ist die Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen/freiwilligen Einsatzkräften und Berufskräften eine zentrale Herausforderung. Wie im Handlungsfeld Gesellschaft und Zusammenleben dargestellt, verliert das Ehrenamt immer mehr an gesellschaftlicher Bedeutung und der Anteil an flexiblem, kurzzeitigem Engagement wächst. Der hohe Maßstab und die zunehmenden Anforderungen an Routine und Professionalisierungsgrad/-bedarf, welcher sich aus der steigenden Komplexität der Einsätze (z.B. durch vermehrten Einsatz von Technologie) ergibt, darf dabei nicht verloren gehen. In diesem Zusammenhang beginnt die Basis für eine gute Zusammenarbeit schon bei der Aus- und Fortbildung sowie bei der Vernetzung der relevanten Akteure.

Das reine Ehrenamt ist mit diesem Wandel oft überfordert. Daher kommen zunehmend hauptberufliche Feuerwehrkräfte mit freiwilligen Feuerwehrkräften in den Rettungseinsätzen zusammen. Die Kernfrage besteht folglich darin, wie ein optimales und fehlerunanfälliges Arbeitsumfeld gesichert werden kann.

Zudem ist neben der Qualitätssicherung bei Rettungs- und Feuerwehreinsätzen selbst die schnelle Hilfe für die in Not geratenen Personen entscheidend. Dies hängt vermehrt von den Informationen ab, die an der Einsatzstelle eingehen, um schon von Beginn an die Lage am Unfallort optimal einzuschätzen. Dabei ist auf der Anfahrt ein schnelles Durchkommen der Rettungs- und Feuerwehrfahrzeuge durch den Straßenverkehr ebenso entscheidend wie die Informationsübermittlung durch die Einsatzleitstelle, welche bereits eine Einsatzplanung und Grundlagen der Gefahrenabwehr auf der Anfahrt ermöglichen soll.

Für diesen Informationsgewinn werden technologische Lösungen (z.B. Sensorik, Drohnen im Einsatzfall) zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Arbeitsabläufe und Informationsflüsse zwischen Einsatzkräften, Leitstellen und weiteren relevanten Akteuren werden sich folglich in großem Maßstab verändern. Dieser technologische Fortschritt vergrößert aber auch die Disparitäten der technischen Ausstattung zwischen den verschiedenen Feuerwehren, Rettungseinrichtungen, städtischen und Landeseinrichtungen und der sonstigen Straßeninfrastruktur – verschärft durch die Grenznähe/Landesgrenze nach Bayern. Die technische Ausstattung der anderen Verkehrsteilnehmenden (Individualverkehr) ist in gleichem Maße betroffen.  In Zukunft muss sichergestellt werden, dass im Rahmen des technologischen Fortschritts die verschiedenen Systeme und Devices untereinander kommunizieren können. Technikinseln müssen dabei vermieden bzw. aufgelöst werden.

Durch die Datenübermittlung ergeben sich mehrere Herausforderungen. Zum einen handelt es sich um hochsensible und schützenswerte Daten. Die Datensicherheit und der Schutz vor unbefugten Zugriffen sind hierbei zwingend erforderlich. Hierbei ist der immer breitere Einsatz von Technik, Sensorik und anderen Hilfsmitteln auch für den Schutz der entsprechenden kritischen Infrastruktur vor Cyber-Angriffen immer wichtiger. Dabei bemisst sich die Bedeutung einer Infrastruktur an dem Umfang der Konsequenzen für die Versorgungsicherheit der Gesellschaft mit wichtigen Gütern oder Dienstleistungen, die durch einen Ausfall hervorgerufen würden (BMI, 2009). Die Smart City steht daher vor der Herausforderung, kritische Infrastruktur fortlaufend ihres Einflusses nach zu identifizieren und dementsprechend abzusichern.

Auch die Bürgerinnen und Bürger nehmen im Bereich des Rettungswesens eine entscheidende Rolle ein. Sie sind die ersten Personen am Unfallort, bevor das Rettungssystem eingreifen kann. Daher sind Ersthelfende anfangs meist auf sich selbst gestellt und der Situation ausgesetzt. Oftmals wurden Erste-Hilfe-Kenntnisse nicht aufgefrischt oder entsprechende Kurse liegen weit zurück. Dies kann zu Unsicherheit und zögerlichem Verhalten in einer Situation führen, in der lebensrettende Sofortmaßnahmen sowie eine eindeutige Schilderung der Situation vor Ort gegenüber den Einsatzkräften für das Überleben entscheidend sind. Die Befähigung der Bürgerinnen und Bürger, in solchen Situationen schnell die richtigen Entscheidungen zu treffen, stellt daher eine wichtige Herausforderung dar. Zudem steigt der Grad der Internationalität in Ulm – wie in der Zukunftsaufgabe „Stadt im Wandel“ und im Handlungsfeld Gesellschaft und Zusammenleben beschrieben. Dadurch steigen auch sprachliche Barrieren, die es aufzuheben gilt.

Im Kontext des Katastrophenschutzes entstehen in Deutschland Natur- und Unwetterkatastrophen vor allem durch Extremwetterlagen wie anhaltende Hitzeperioden oder Starkregen sowie Sturm. Durch den voranschreitenden Klimawandel ist mit einer Zuspitzung dieser Situation zu rechnen. Vor allem die Stadt Ulm ist durch die Lage zwischen Alb und Donau immer stärker von diesen Situationen betroffen. Die Bürgerinnen und Bürger sind dem Hochwasser beispielsweise durch überflutete Straßen und Unterführungen ausgesetzt. Dabei ist ein adäquater Umgang mit solchen Ereignissen für deren Auswirkungen entscheidend. Entsprechende Notfallpläne müssen daher verfasst und einstudiert sein. Daneben spielen proaktive Vorsorgemaßnahmen eine zentrale Rolle. Diese umfassen die gesamte Bandbreite städtischer Maßnahmen zur Klimafolgenanpassung. Aus diesem Grund ist eine integrierte und interdisziplinäre Stadtplanung eine wichtige Bedingung für einen erfolgreichen Umgang mit den Folgen des Klimawandels.4

Ziele

Die Stadt Ulm soll auch in Zukunft optimal auf Gefahrensituationen, Unfälle und Katastrophen vorbereitet zu sein. Dabei steht die Abwehr von Gefahren für die Bevölkerung, Einsatzkräfte und kritische Infrastruktur im Fokus der Anstrengungen.

Die Stärkung des Ehrenamts ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Instrument zur Unterstützung der Freiwilligen Feuerwehr. Hilfreich wäre eine Begleitung im Bereich der Ausbildungen, der Materialverwaltung und im Einsatz. Mithilfe einer zentralen Medienplattform kann dabei eine Anbindung der Einheiten erreicht werden.

Zusätzlich können Verwaltungsprozesse digital automatisiert und unterstützt werden. Dadurch bleibt mehr Zeit für entscheidende Aufgaben wie die Ausbildung. Nicht alltägliche bzw. Einzelsituationen können praxisbezogen und digital simuliert werden, welche sonst aufgrund der unmittelbaren Gefahr für die Einsatzkräfte (durch Sprengstoff, Giftstoffe etc.) nicht erprobt werden könnten. Der Einsatz virtueller Technologien trägt auch zur Steigerung der Attraktivität der Feuerwehr für das Ehrenamt bei und soll somit den Fortbestand der Freiwilligen Feuerwehr sichern.

Entscheidend für den Erfolg eines Einsatzes ist der Zugriff auf wichtige Informationen in Echtzeit. Dazu könnten in einem ersten Schritt Daten aus den verschiedenen Bereichen miteinander verknüpft und für die Einsatzleitung vor Ort digital bereitgestellt werden. Innerhalb eines zweiten Ausbauschritts können die jeweiligen Anwendungssysteme in eine Einsatz-App integriert werden. Daten stünden dann für den jeweiligen Einsatz auf Knopfdruck unmittelbar zur Verfügung. Auch eine Integration in ein Head-Up-Display in der Atemschutzmaske wäre möglich. Das DRK Heidenheim-Ulm verfolgt in diesem Zusammenhang bereits die Zielsetzung, schnellstmögliche Hilfe durch die Optimierung des gesamten Prozessablaufes durch digitalisierte Systeme zu gewährleisten. Diese Systeme beziehen die gesamte Rettungskette vom Eingang des Notrufes in der Leitstelle, der Alarmierung und der Anfahrt von Rettungsmitteln bis zu deren Eintreffen in der Klinik ein.

Die Aufklärung über Objekt, Gefahren und deren Abwehrmöglichkeiten durch den Einsatzleitenden bereits auf der Anfahrt kann entscheidende Zeit sparen. Anwendungsorientierte Lehrvideos, die auf der Anfahrt eingespielt werden, können den Einsatzteilnehmenden eine gezielte Vorbereitung des Einsatzes ermöglichen. Ein weiteres hilfreiches Mittel könnte die Übernahme von Notrufgesprächen auf ein auf der Anfahrt befindliches Führungsfahrzeug sein.

Die adäquate Einbindung der Bürgerschaft in den Einsatz ist ein wichtiges Ziel für eine gesamtheitliche und erfolgreiche Durchführung. Per Mobiltelefon könnten Bürger*innen unmittelbar Bilder übertragen und empfangen. Das ermöglicht ein Live-Coaching in der Situation – aber auch in entgegengesetzter Richtung können Live-Bilder des Einsatzortes zur Vorbereitung des anfahrenden Einsatzteams dienen. Erste-Hilfe-Material wird durch eine Drohne schnell und automatisiert geliefert (Material Deployment). Zudem trägt eine Live-Übersetzung am Telefon des Notrufs 112 zur Überwindung einer eventuellen Sprachbarriere bei. Dies erfolgt durch Spracherkennungs- und Übersetzungprogramme in Echtzeit. Das DRK Heidenheim-Ulm hat in diesem Zusammenhang bereits Überlegungen zur Einführung eines Telenotarztsystems angestellt sowie eine gezielte Alarmierung von Ersthelfenden durch die Leitstelle über Smartphone-Anwendungen einschließlich der Lokalisation und der Heranführung des nächstgelegenen Defibrillators initiiert.

Neueste technische Entwicklungen erleichtern die Notfallbearbeitung, tragen zur Abfederung aktueller Herausforderungen bei und begegnen dem rasant ansteigenden Fachkräftemangel. Drohnen ermöglichen den Zugang zu abgelegenen, schwer zugänglichen Unglücksorten, beispielsweise auf den Hochebenen der schwäbische Alb oder dem Albabstieg. Fortschritte in der Telemedizin, selbstfahrende Rettungswagen und eine intelligente Verkehrsführung, die ein Durchfahren der Rettungsfahrzeuge ermöglicht, verkürzen die Anfahrtszeiten und verbessern die Qualität der Versorgung vor Ort massiv. Ein unmittelbares Lesen der Patientendaten (mit vorheriger Zustimmung der Patient:innen) ermöglicht aufschlussreiche Erkenntnisse bereits vor Erreichen des Einsatzortes. So ist der Notarzt bereits über die Krankengeschichte, mögliche Allergien und medikamentöse Behandlungen informiert.

Eine qualitativ hochwertige Erfassung und Auswertung von Daten führt zur zielgerichteten Gefahrenabwehr bei Natur- und Unwetterkatastrophen. Somit können Problemlagen schneller erkannt und bekämpft werden. Digitale Lösungen der Smart City bieten die Möglichkeit, durch die intelligente Vernetzung von Einsatzkräften, Bevölkerung und Infrastruktur die Schäden gering zu halten. Grundlage hierfür sind intelligente Sensornetze, welche exakte Lageinformationen senden. Mobile Sensoren wie Gas- und Wasserstandssensoren ermöglichen eine Detektion der Gefahrenlage in Echtzeit. Durch Integration ins 5G Mobilfunknetz können diese Daten zu einem kohärenten Gesamtbild zusammengefügt werden (Sensornetz). Bei großflächigen Schadenslagen mit hunderten von Einsatzstellen gewährleistet die Smart City so eine geordnete Kommunikation sowie eine planvolle Koordination des Einsatzes.

Der zunehmende Einsatz von Technologie in den Bereichen der Wasser- und Stromversorgung sowie der Abfallwirtschaft steigert auch den Umfang kritischer Infrastruktur und somit den Anspruch an dessen Schutz im Rahmen des Katastrophenschutzes. Hierbei hat der Kompetenzaufbau in diesem Bereich oberste Priorität. Zum Schutz vor Cyberangriffen auf kritische Infrastrukturen mehr im Handlungsfeld „Sicherheit“.

Maßnahmen

Nummer

Titel

Beschreibung

01

Zentrale Medienplattform

Zentrale Medienplattform zur Begleitung von Rettungskräften im Bereich Ausbildung, Materialverwaltung und im Einsatz.

02

Digitale Automatisierung von Verwaltungsprozessen

Zeitersparnisse durch digitale, automatisierte und unterstützte Verwaltungsprozesse.

03

Simulation von nicht alltäglichen Einzelsituationen

Praxisbezogene Simulation von nicht alltäglichen Einzelsituationen, welche sonst nicht erprobt werden können.

04

Datenverknüpfung aus unterschiedlichen Bereichen

Verknüpfung von Daten aus verschiedenen Bereichen, die digital für die Einsatzleitung vor Ort bereitgestellt werden.

05

Einsatz-App

Integration von Anwendungssystemen in eine Einsatz-App, die den unmittelbaren Zugriff vor Ort ermöglicht.

06

Head-Up-Displays in Atemschutzmasken

Integration von Anwendungssystemen in Atemschutzmasken der Einsatzkräfte.

07

Anwendungsorientierte Lehrvideos

Einspielung von anwendungsorientierten Lehrvideos, die auf der Anfahrt der Einsatzkräfte eingespielt werden und eine gezielte Vorbereitung ermöglichen.

08

Übernahme Notrufgespräche

Übernahme von Notrufgesprächen auf Führungsfahrzeuge im Einsatz.

09

Live-Übertragung per Mobiltelefon

Unmittelbare Bildübertragung per Mobiltelefon, was Live-Coaching im Umgang mit der Situation ermöglicht sowie die Vorbereitung des anfahrenden Einsatzteams unterstützt.

10

Drohnen

Der Einsatz von Drohnen ermöglicht die schnelle und automatisierte Lieferung von Erste-Hilfe-Material sowie den Zugang zu abgelegenen, schwer zugänglichen Unglücksorten.

11

Live-Übersetzung

Eine Live-Übersetzung von Notrufgesprächen trägt zur Überwindung einer eventuellen Sprachbarriere bei.

12

Selbstfahrende Rettungsfahrzeuge

Selbstfahrende Rettungsfahrzeuge können die Anfahrtszeiten verkürzen und die Qualität der Versorgung vor Ort verbessern.

13

Unmittelbares Lesen von Patientendaten

Unmittelbares Lesen der Patientendaten (mit vorheriger Zustimmung des Patienten) ermöglicht aufschlussreiche Erkenntnisse bereits vor Erreichen des Einsatzortes.

14

Gas- und Wasserstandssensoren

Mobile Sensoren wie Gas- und Wasserstandssensoren ermöglichen eine Detektion der Gefahrenlage in Echtzeit. Durch Integration ins 5G Mobilfunknetz können diese Daten zu einem kohärenten Gesamtbild zusammengefügt werden (Sensornetz).


1

Traumateam 2019, abgerufen unter: https://traumateam.de/1-447-einsaetze-in-2019/, am 29.10.2020.

2

Stadt Ulm, Feuerwehr und Katastrophenschutz, Jahresbericht 2018.

3

Deutsche Traumastiftung 2020, abgerufen unter: https://www.deutsche-traumastiftung.de/, am 29.10.2020.

4

Anpassung an den Klimawandel in den Städten, Handreichung des deutschen Städtetags. Download unter https://www.staedtetag.de/files/dst/docs/Publikationen/Weitere-Publikationen/2019/klimafolgenanpassung-staedte-handreichung-2019.pdf