Sicherheit

Die objektive Sicherheitslage und das subjektive Sicherheitsgefühl sind zwei wichtige Faktoren mit direktem Einfluss auf die Lebensqualität in einer Stadt. Öffentliche Teilhabe, unbeschwerte Nutzung des urbanen Raums und das Gefühl sich zu jeder Zeit an jedem Ort in der Stadt sicher zu fühlen, tragen maßgeblich zur Attraktivität einer Stadt bei. Dieser Grundsatz gilt schon seit vielen Jahrhunderten und wird seine Gültigkeit auch im Zeitalter der Digitalisierung nicht verlieren.

Das Handlungsfeld Sicherheit in der Smart City Ulm umfasst zwei zentrale Aspekte. Zum einen bietet die technologische Entwicklung im Umfeld der Informationstechnologie (IT) ganz neue Möglichkeiten, um die bisherigen Sicherheitsmaßnahmen im öffentlichen Raum neu zu denken. Zum anderen steigt mit der zunehmenden Einführung digitaler Lösungen in der Stadt auch der Bedarf an wirksamen Maßnahmen zur Steigerung der Cybersicherheit. Denn abgesicherte Infrastrukturen, Daten und Anwendungen sind eine wesentliche Grundvoraussetzung, damit eine Smart City überhaupt funktionieren kann.

Sicherheit im öffentlichen Raum
Die Digitalisierung des öffentlichen Raums wirkt sich auf alle Teilbereiche des städtischen Lebens aus. In einigen Bereichen sind die Veränderungen bereits jetzt deutlich sichtbar. Sensoren erfassen Füllstände von Mülltonnen und ermöglichen so effizientere Abholrouten, intelligente Ampelschaltungen verbessern den Verkehrsfluss, ÖPNV-Apps informieren die Nutzer*innen über ankommende Fahrzeuge oder alternative Routen. Diese Beispiele aus den Bereichen der Abfallentsorgung, der Verkehrssteuerung und des öffentlichen Personennahverkehrs sind keine Science-Fiction, sondern in einigen Kommunen schon gelebte Wirklichkeit. Dies gilt auch für die Stadt Ulm, wo beispielsweise Parkscheine mit dem Smartphone gelöst werden können und freie Parkplätze von Sensoren erfasst werden.

Etwas anders sieht es noch im Bereich Sicherheit im öffentlichen Raum aus. Auch hier könnten intelligente Sensoren, smarte Objekte und intelligente benutzerfreundliche Anwendungen einen großen Mehrwert bringen. Beispielsweise wäre es möglich, Angsträume auf Knopfdruck mit einer App zu identifizieren, besonders sichere Routen für den Heimweg, Flucht- und Rettungswege bei Großveranstaltungen dynamisch zu berechnen oder bei größeren Schadensereignissen Drohnen zur Unterstützung der Sicherheitskräfte sowie der anonymisierten Zählung von Personen einzusetzen. Außerdem sind ganz neue Möglichkeiten denkbar, wie die lokalen Sicherheitsbehörden und die Ulmer Stadtgesellschaft in Zukunft gemeinsam zu mehr Sicherheit im öffentlichen Raum beitragen können.

Cybersicherheit

Smarte Städte erzielen ihren hohen Wirkungsgrad durch die Anwendung, Auswertung, Vernetzung und Interoperabilität unterschiedlichster digitaler Technologien und Daten. Die hohe Dynamik der Interaktionen zwischen Menschen, Geräten und städtischer Infrastruktur bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich. Deutlich sichtbar wird dies an der signifikant steigenden Bedrohungslage durch Cyberattacken (ENISA, 2019).

Die Angriffsvektoren sind dabei vielfältig: Hacker kapern in großem Stil smarte Objekte um sie über das Internet als Cyber-Waffen einzusetzen, Ransomware verschlüsselt Daten und macht sie unzugänglich. Andere Schadprogramme sind wiederum darauf ausgerichtet, unbemerkt sensible Daten zu stehlen und diese für kriminelle Zwecke einzusetzen. Die öffentliche Verwaltung gerät dabei zunehmend ins Visier der Angreifer. Dies belegen auch die aktuellen Entwicklungen während der Corona-Pandemie (Bundeskriminalamt, 2020). So wurden 2019 bspw. die Stadt Frankfurt am Main, das Kammergericht in Berlin oder die Verwaltung von Neustadt am Rübenberge vom Trojaner Emotet zeitweise außer Betrieb gesetzt. Auch die Stadt Baltimore wurde 2019 Opfer eines Ransomware-Angriffs. Dabei entstand nach Schätzung der Stadt ein Schaden in Höhe von ca. 18 Millionen US-Dollar.

Diese Entwicklungen zeigen, dass Cybersicherheit einen wesentlichen Faktor für die Stadt Ulm auf dem Weg zur Smart City darstellt und alle Konzepte und Maßnahmen auch in diesem Kontext geprüft werden müssen.

Herausforderungen

Sicherheit im öffentlichen Raum
Es existieren bereits unzählige digitale Anwendungen, die mehr Sicherheit im öffentlichen Raum versprechen. In einigen Staaten kann man smarte Sicherheitstechnik sogar schon im realen Einsatz sehen. Tunesien setzt beispielsweise smarte Polizeiroboter zur Kontrolle von Ausgangssperren ein, die Volksrepublik China nutzt ein flächendeckendes Netzwerk intelligenter Kameras zur Fahndung nach Personen und in Dubai können Eigenheimbesitzer ihre Smart Home Systeme über das Internet direkt mit der Polizei verbinden.

Anhand dieser wenigen Beispiele wird aber auch schnell deutlich, warum die Verbreitung smarter Sicherheitstechnik in Deutschland sehr gering ist. Denn den großen Vorteilen smarter Sicherheitstechnik stehen enorme rechtsstaatliche und ethische Bedenken gegenüber. Derzeit liegt die Vermutung nahe, dass die Mehrheit der bereits existierenden staatlichen Anwendungsbeispiele, bei denen personenbezogene Daten verarbeitet werden, aus datenschutzrechtlichen Gründen strikt abzulehnen ist.  Die zentrale Herausforderung im Handlungsfeld Sicherheit ist es daher, datenschutzkonforme Lösungen für die Smart City Ulm zu finden, die das Potential smarter Sicherheitstechnik nutzen, ohne dabei in einen Überwachungsstaat zu führen.

Darüber hinaus gilt es zu berücksichtigen, dass die Sicherheit im öffentlichen Raum stets als Querschnittsaufgabe verschiedener Akteure auf unterschiedlichen Verwaltungsebenen sowie der Zivilgesellschaft zu betrachten ist. Während aus Perspektive der Bürger*innen die verschiedenen öffentlichen Räume innerhalb Ulms nahtlos ineinander übergehen, sind die behördlichen Zuständigkeiten sehr heterogen. Je nach örtlicher und sachlicher Zuständigkeit liegt die Verantwortung für die Sicherheit in Ulm bei der Stadtverwaltung, der Landespolizei oder der Bundespolizei. Die Nutzung smarter Sicherheitstechnik in Ulm kann deshalb nur dann gelingen, wenn alle relevanten Partner in den Entwicklungs- und Implementierungsprozess einbezogen werden.

Cybersicherheit
Die größte Herausforderung im Bereich Cybersicherheit besteht darin, die verschiedenen Funktionsebenen der Smart City bestmöglich zu schützen und ihre Funktionsfähigkeit im Falle eines kritischen Cyberangriffs aufrecht zu erhalten. Dies gilt von dem Moment an, in dem einzelne Daten erhoben werden, über deren Verteilung und Verarbeitung bis hin zum Abruf durch die einzelnen Nutzer*innen. Jeder Schritt in dieser Kette muss mit passgenauen Cybersicherheitsmaßnahmen geschützt werden. Je komplexer die zugrundeliegende Architektur gestaltet wird, umso schwieriger ist es, sie zu schützen.

Hinzu kommt, dass in einer Smart City unterschiedliche Anbieter digitaler Infrastrukturen und Dienste mit unterschiedlichen Standards agieren. Ihre Integration in ein vernetztes, interoperables System stellt auch aus Cybersicherheitsperspektive eine enorme Herausforderung dar. In diesem Zusammenhang muss auch bedacht werden, dass sich Angriffsmethoden und Hacker-Tools kontinuierlich weiterentwickeln und die hohe Anzahl an vernetzten Geräten einer Smart City viel Angriffsfläche bietet. Künftige Sicherheitslösungen dürfen daher nicht nur am aktuellen Stand der Technik ausgerichtet werden, sondern müssen der anhaltend hohen technologischen Dynamik Rechnung tragen, um auch in der Zukunft noch einen wirksamen Schutz vor Angriffen zu bieten. Dies beinhaltet neben technischen Aspekten auch die kontinuierliche Sensibilisierung und Schulung aller Akteure, die in und mit einer Smart City agieren.

Neben dem Schutz der IT-Systeme und Daten der Smart City kommt auch der Absicherung der Stadtverwaltung Ulm selbst eine zentrale Bedeutung zu, da sie als Initiatorin und Garantin der Smart City eine besondere Stellung einnimmt. Besonders herausfordernd stellen sich in diesem Zusammenhang die historisch gewachsenen dezentralen IT-Systeme, die umfangreiche Vernetzung und der Aufbau des notwendigen personellen Know-hows dar. Darüber hinaus sind sich viele IT-Anwender*innen der Gefahren aus dem Cyberspace und deren möglichen Folgen für die Arbeitsfähigkeit einer Kommunalverwaltung gar nicht bewusst.

Ziele

Sicherheit im öffentlichen Raum
Die Stadt Ulm hat es sich zur Aufgabe gemacht, im Bereich smarter Sicherheitstechnik eigene Wege zu gehen.  Offen, partizipativ, transparent und vor allem im Einklang mit dem Ulmer Datenethikkonzept. Zur Entwicklung eines ersten Verständnisses, welche Ziele bei der Nutzung smarter Sicherheitstechnik in Ulm verfolgt werden könnten, wurden im Februar 2020 insgesamt sieben Workshops im Rahmen eines Forschungsprojekts durchgeführt. Hierbei haben sich Bürger*innen, Vertreter:innen des Gemeinderats sowie der lokalen Sicherheitsbehörden und ein Kreis aus Smart Government Experten der Zeppelin Universität ausgetauscht und erste Ideen gesammelt. Auf Basis der dabei gewonnenen Erkenntnisse wurde deutlich, dass smarte Sicherheitstechnik in Ulm primär zur Erreichung folgender Ziele eingesetzt werden könnte:

  1. Herstellung einer bestmöglichen Transparenz zur objektiven und subjektiven Sicherheitslage in Ulm.

  2. Stärkung partizipativer und kollaborativer Elemente bei der Herstellung von Sicherheit im öffentlichen Raum.

  3. Nutzung von smarter Sicherheitstechnik zur Erhöhung der Nachhaltigkeit bei der Herstellung von Sicherheit im öffentlichen Raum.

Künftige Maßnahmen der Stadt Ulm im Handlungsfeld Sicherheit der Smart City Ulm könnten daher einen Beitrag zu den drei oben genannten Zielen leisten. Das Spektrum denkbarer Anwendungsfälle ist groß. Es erstreckt sich von der Entwicklung einer Ulmer Sicherheitsplattform, über die sich Sicherheitsbehörden mit den Bürger*innen, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft zu sicherheitsrelevanten Themen austauschen können, bis hin zur Verwendung von künstlicher Intelligenz bei der Planung und Durchführung von organisationsübergreifenden Präsenzmaßnahmen in der Innenstadt.

Auch die Entwicklung einer intelligent vernetzten Sicherheitsarchitektur basierend auf Sicherheitssensoren und -aktoren ist mit mittelfristiger Perspektive zu prüfen. Hierzu ist es erforderlich, die bestehenden Austausch- und Gremienstrukturen zwischen den Ulmer Sicherheitsbehörden und dem Gemeinderat um das Thema smarte Sicherheitstechnik zu erweitern. Im Hinblick auf die Schattenseiten smarter Sicherheitstechnik soll zudem frühzeitig ein offener Diskurs mit den Ulmer:innen und der lokalen Zivilgesellschaft zu unerwünschten Anwendungsfällen, Sensoren und Aktoren initiiert werden, um der Dystopie eines Überwachungsstaats rechtzeitig vorzubeugen.

Cybersicherheit
Ulm macht Cybersicherheit zur Prämisse. Mit diesem Bekenntnis wird betont, dass eine funktionsfähige und resiliente Smart City ein umfassendes, modernes Cybersicherheitskonzept mit einer entsprechenden personellen und finanziellen Ausstattung benötigt. Die damit einhergehenden Maßnahmen bilden die Grundlage einer sicheren und vertrauenswürdigen Smart City Infrastruktur. Darüber hinaus wird dem Umstand Rechnung getragen, dass eine sichere Smart City auch eine gut geschützte Stadtverwaltung benötigt.

Dieser Anspruch konkretisiert sich in folgenden Zielen:

  1. Entwicklung und Implementierung eines risikobasierten Smart City Cybersicherheitskonzepts.

  2. Konsequente Beachtung der Security-by-Design und Privacy-by-Design Prinzipien bei der künftigen Implementierung von Hard- und Software in der Smart City Ulm.

  3. Stärkung der Cybersicherheit in der Stadtverwaltung Ulm und ihren nachgeordneten Organisationseinheiten.

  4. Erhöhung der Awareness bei allen Personen und Organisationen, die in und mit der Smart City Ulm agieren.

Eine wichtige Partnerrolle nehmen vor allem die staatlichen Sicherheitsbehörden wie beispielsweise das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), die Cybercrime Dienststellen der Landespolizei und die derzeit im Aufbau befindliche Cybersicherheitsagentur Baden-Württemberg ein. Darüber hinaus kommt auch den Ulmer Hochschulen und Wirtschaftsunternehmen eine große Bedeutung bei der Begleitung der Stadt Ulm auf dem Weg zur Smart City zu.

Auch in diesem Bereich der Sicherheit ist die Bandbreite wichtiger Zukunftsprojekte groß. Sie reicht von der städtischen Etablierung sicherer digitaler Kommunikationskanäle über die Einführung eines Informationssicherheitsmanagementsystems (ISMS) bis hin zum Aufbau einer sicheren Smart City IT-Infrastruktur und dem langfristig ausgerichteten Schutz der zum Einsatz kommenden Geräte und Anwendungen.

Maßnahmen

Nummer

Titel

Beschreibung

01

Ulmer Datenethikkonzept

Smarte Sicherheitstechnik wird offen, partizipativ und transparent im Einklang mit dem Ulmer Datenethikkonzept gestaltet.

02

Workshops

Workshops zum Austausch von Bürger:innen, Vertreter:innen des Gemeinderats sowie den lokalen Sicherheitsbehörden und ein Kreis aus Smart Government Experten der Zeppelin Universität.

03

Ulmer Sicherheitsplattform

Sicherheitsplattform, über die sich Sicherheitsbehörden mit den Bürger:innen, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft zu sicherheitsrelevanten Themen austauschen können.

04

Künstliche Intelligenz

Verwendung von künstlicher Intelligenz bei der Planung und Durchführung von organisationsübergreifenden Präsenzmaßnahmen in der Innenstadt.

05

Sicherheitssensoren und -aktoren

Sicherheitssensoren und -aktoren als Basis für eine intelligent vernetzte Sicherheitsarchitektur.

06

Offener Diskurs

Offener Diskurs mit den Ulmer:innen und der lokalen Zivilgesellschaft zu unerwünschten Anwendungsfällen, Sensoren und Aktoren.

07

Risikobasiertes Smart City Cybersicherheitskonzept

Risikobasiertes Smart City Cybersicherheitskonzept als Basis für eine funktionsfähige und resiliente Smart City.

08

Security-by-Design

Security-by-Design bei der künftigen Implementierung von Hard- und Software als Grundlage einer sicheren und vertrauenswürdigen Smart City Infrastruktur.

09

Privacy-by-Design

Privacy-by-Design bei der künftigen Implementierung von Hard- und Software als Grundlage einer sicheren und vertrauenswürdigen Smart City Infrastruktur.

10

Städtische digitale Kommunikationskanäle

Etablierung städtischer digitaler Kommunikationskanäle zur sicheren Kommunikation.

11

Informationssicherheits-managementsystems

Einführung eines Informationssicherheitsmanagementsystems

12

Sichere Smart City IT-Infrastruktur

Aufbau einer sicheren Smart City IT-Infrastruktur für den langfristig ausgerichteten Schutz der zum Einsatz kommenden Geräte und Anwendungen.