Gesundheit, Pflege, Sport

Gesundheit ist in jedem Alter wichtig und beeinflusst die Lebensqualität der Menschen maßgeblich. Wesentliche Potenziale digitaler Technologien liegen dabei innerhalb der Bereiche Gesundheitsförderung und -prävention sowie im Bereich der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung. Beachtet werden muss dabei jedoch, dass der Gradmesser für den Einsatz digitaler Technik vor allem im Bereich Gesundheit und Pflege stets die Menschenwürde ist (Datenethikkommission der Bundesregierung, 2019, S. 43). So dürfen digitale Technologien z.B. nicht dazu beitragen, dass aus rein monetären Interessen Formen zwischenmenschlicher Zuwendung durch Automatik und Robotik ersetzt werden. Auch muss stets offengelegt werden, wenn eine Maschine für die Kommunikation eingesetzt wird, um eine reale menschliche Beziehung nicht vorzutäuschen. 1

Wichtig ist die Vernetzung der lokalen Akteure im jeweiligen Bereich, wie dies z.B. durch die kommunale Gesundheits- und Pflegekonferenz geschieht. 2 Als Universitäts- und Wissenschaftsstadt ist Ulm mit dem Universitätsklinikum, dem Bundeswehrkrankenhaus und der Agaplesion Bethesda Klinik nicht nur in der Versorgung, sondern auch in der Forschung stark aufgestellt und kann Entwicklungsprozesse mitgestalten. In der Stadt gibt es ein großes und vielfältiges Sport- und Bewegungsangebot von verschiedenen Anbietern. Die Bedingungen für Bewegung und Sport sowie die Sportvereine werden von der Bevölkerung im interkommunalen Vergleich überdurchschnittlich gut bewertet (Schrader & Wetterich, 2016). Dabei sind die insgesamt 77 Ulmer Sportvereine mit mehr als 40.000 Mitgliedern zudem wichtige Integrationseinrichtungen in den Quartieren.3

Herausforderungen

Eine Besonderheit dieses Handlungsfeldes sind die verhältnismäßig geringen Einflussmöglichkeiten der Stadt Ulm im Gesundheitsbereich, da viele Entscheidungen auf Bundesebene oder durch die Krankenkassen getroffen werden (z.B. eRezept, ePatientenakte etc. ). Die Beschlüsse wirken sich jedoch auf das alltägliche Leben der Menschen vor Ort aus. Daher muss es hier gelingen, dass alle Menschen unabhängig von ihrem sozioökonomischen Status an Sportangeboten teilhaben und von den Chancen der Digitalisierung im Gesundheitswesen sowie im Pflegebereich profitieren können.

Seitens der Anwender:innen stellen der unzureichende Zugang zu entsprechenden Geräten sowie mögliche Schwierigkeiten bei der konkreten Anwendung eine weitere wesentliche Herausforderung dar. So muss der Umgang mit der Technik im Alltag gelernt und geübt werden – sowohl aufseiten der Patient:innen, pflegebedürftigen Personen und ihren Angehörigen als auch aufseiten des medizinischen Personals in Krankenhäusern, Praxen und in der Verwaltung, z.B. bei den Krankenkassen.

In Ulm sind 70 Prozent der Bürgerinnen und Bürger regelmäßig sportlich aktiv (Schrader & Wetterich, 2016). Dennoch fehlt vielen Menschen im Alltag ausreichend Bewegung und sportliche Aktivität (Guthold, Stevens, Riley, & Bull, 2020) – auch aufgrund von technischen Entwicklungen. 4 Das hat sowohl Folgen für die persönliche Gesundheit als auch für das gesamte Gesundheitssystem und das Zusammenleben in den Städten. Wie können hier Anreize geschaffen werden, sich körperlich zu betätigen? Welche Rolle spielen dabei auch gezielt Orte ohne technische Geräte als Ausgleich zu einem Alltag, der immer mehr durch digitale Medien geprägt ist? Die zunehmende Allgegenwärtigkeit von Technologien – z.B. durch Wearables wie Smartwatches – macht einerseits eine individuelle Analyse der eigenen Gesundheit und Fitness mit individuell abgestimmten Handlungen möglich. Gleichzeitig kann das permanente Tracking auch zur Selbstoptimierungsfalle für die Menschen werden.

Außerdem kann eine zunehmende technische Vernetzung und damit verbundene Effizienzsteigerung zum Verlust von Sozialkontakten und somit zu Einsamkeit führen. Hier geht es auch um ganz grundsätzliche ethische Fragestellungen: Insbesondere im Bereich der Pflege besteht die Gefahr, durch Technikunterstützung die Selbstbestimmung der Menschen nicht nur zu erhöhen, sondern in einigen Bereichen auch zu beschränken. So wie bei dieser „Gratwanderung zwischen Entlastung und Entmündigung“ (Wiegerling, 2013, S. 374) besteht die Herausforderung stets darin, eine gute Balance zu finden , kritische Fragen klar zu benennen und Lösungen zu suchen, ohne dabei den Mut zum Ausprobieren zu verlieren. 5 Dies wird auch in der Zukunft immer wichtiger, da sich viele Anwendungen zum jetzigen Zeitpunkt noch in der Anfangsphase befinden, sich aber in den nächsten Jahren zunehmend weiterentwickeln werden (Rocha, et al., 2019). 6

Im Bereich Pflege stellt auch in Ulm der demographische Wandel und dessen Folgen eine große Herausforderung dar. In Zukunft wird insbesondere der Anteil der Personengruppen zwischen 65 und 80 Jahren sowie der der über 80-Jährigen an der Ulmer Bevölkerung zunehmen. 7 Daraus ergibt sich eine immer größer werdende Schere zwischen Personen mit Pflegebedarf und Personen, die pflegebereit sind (Blinkert & Klie, 2009). Hinzu kommt der Fachkräftemangel – auch wenn in Ulm im Gegensatz zu anderen Regionen in den nächsten Jahren noch nicht mit großen Auswirkungen auf die Pflegeversorgungslage der Bürger*innen gerechnet wird. 8

Von zentraler Bedeutung ist auch die Verunsicherung und Sorgen der Menschen in Bezug auf Datenschutz und Datensicherheit im Gesundheitsbereich. Zudem besteht vor allem auch bei älteren Menschen die Angst, durch die Entwicklungen abgehängt zu werden und die dafür notwendigen Kompetenzen nicht mehr erlernen zu können.

Ziele

Auch in Zukunft soll in Ulm eine möglichst hohe Lebensqualität aller Menschen erreicht werden. Um gesundheitliche Chancenungleichheit (Müller, Wachtler, & Lampert, 2020) zu überwinden, müssen die digitalen Möglichkeiten für alle Personen zugänglich gemacht und die Menschen für einen kompetenten Umgang mit der Technik und ihren Gesundheitsdaten befähigt werden.

Damit dies gelingt, bedarf es eines Ausbaus der Gesundheitsinfrastruktur mit barrierefreien Zugängen zum Gesundheitssystem 9 und Formaten des individuellen Zugangs zu medizinischer Beratung. Ebenso gilt es, die bestehenden Unterstützungs- und Pflegeangebote mittels digitaler Techniken den oben beschriebenen Folgen des demographischen Wandels anzupassen. Neben dem Auf- und Ausbau benötigter Strukturen bedarf es kontinuierlicher Schulungs- und Weiterbildungskonzepte für Mitarbeitende aus dem Gesundheits- und Pflegebereich. Die Möglichkeiten der digitalen Transformation sollen Pflegekräfte und Patient:innen unterstützen, ohne sie zu überfordern oder abzuschrecken. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Technik in der Pflege sinnvoll eingesetzt wird. Das Menschliche darf nicht in den Hintergrund rücken. So können Roboter beispielsweise Laufwege sowie schwere körperliche Tätigkeiten der Pflegekräfte übernehmen oder digitale Angebote die aufwendige schriftliche Dokumentation erleichtern. Dies ermöglicht einerseits mehr Zeit für zwischenmenschliche Interaktionen und schont andererseits die Gesundheit der Pflegekräfte.

Anwendungen und Angebote im Bereich eHealth müssen so niedrigschwellig und intuitiv bedienbar gestaltet werden, dass sie für alle Ulmer:innen nutzbar sind. Durch (Echtzeit-)Übersetzungen in Fremdsprachen oder auch in Leichte Sprache können Barrieren abgebaut, Zugänge geschaffen und Teilhabe ermöglicht werden. Dies gilt sowohl in Beratungs- und Behandlungssituationen als auch in Kontexten, in denen Menschen sich zu Fragen in Bezug auf die Digitalisierung im Gesundheits- und Pflegebereich informieren.

Selbstbestimmtes und sicheres Wohnen im Alter sollte so lange wie möglich erhalten werden. 10 Hierzu können Ambient Assisted Living Konzepte beitragen. Senior:innen und Angehörige können in einer Musterwohnung in Ulm verschiedene digitale Alltagshelfer kennenlernen und durch das Ausprobieren Hemmschwellen und Berührungsängste in Bezug auf die Technik abbauen. Solche Angebote sind wichtig, um das Thema für die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbar“ zu machen.

Pflegende Angehörige müssen entlastet und ihre Sorgearbeit wertgeschätzt werden, indem durch technische Möglichkeiten die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Pflege verbessert wird 11 – z.B. durch flexible Arbeitszeitmodelle mit Homeoffice und einer freien Zeiteinteilung oder Telesprechstunden, wodurch ein Besuch in der Arztpraxis nicht mehr zwingend notwendig ist.

Darüber hinaus können Apps und andere Plattformen zur Stärkung von sorgenden Nachbarschaften beitragen. Sie ermöglichen einerseits eine Vernetzung zwischen pflegenden Angehörigen, aber auch insgesamt in der Nachbarschaft. So entstehen Kontakte im Quartier, die unkompliziert und auch kurzfristig Unterstützung anbieten bzw. abfordern können.

Digitale Möglichkeiten sollen darüber hinaus dazu genutzt werden, um Bewegung und sportliche Aktivität im Alltag sowie eine gesunde Ernährung zu fördern – von Jung bis Alt. Als ein Beispiel digitaler Anwendungen im Bereich Sport kann die Verbindung von Daten und sportlicher Aktivität innerhalb des Donaurunning gesehen werden: Auf einer 5 Kilometer langen Lauf- und Walkingstrecke mit integrierter Zeitmessung können die Läufer:innen mit einem Chip ihre Zeit messen, sich mit anderen auf der Homepage vergleichen und vernetzen. 12 In Schulen bieten sich zudem viele spielerische Möglichkeiten, Sport und den Erwerb von Technikkompetenz zu verbinden (Kalinowski, 2016). Spielerische Elemente (Gamification) können auch bei virtuellen Sportangeboten zum Einsatz kommen, die in Echtzeit stattfinden. Insbesondere für ältere Menschen oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen bieten diese Live-Veranstaltungen die Möglichkeit zur Teilhabe von zu Hause und verbinden dadurch Kommunikation, Soziales und Sportliches.

Ziel ist außerdem eine qualifizierte Öffentlichkeitsarbeit, um die Bürger*innen regelmäßig über die Wichtigkeit von Bewegung und Sport sowie über die in Angebote in Ulm zu informieren. Hierzu gehört neben der Vernetzung verschiedener Anbieter auch eine übersichtliche und transparente Darstellung des Sport- und Bewegungsangebots sowie der offen zugänglichen Spiel-, Sport- und Bewegungsflächen und Bolzplätze (inklusive Strecken für den Laufsport) sowohl auf der städtischen Internetseite als auch in einer Sport-App für Ulm (Schrader & Wetterich, 2016). Mit einer solchen Plattform wird eine stärkere Sichtbarmachung, Abstimmung und Verzahnung der verschiedenen (städtischen und nichtstädtischen) Anbieter und Träger angestrebt.

Insgesamt spielt die Vernetzung und Bündelung von Daten eine elementare Rolle, wie zum Beispiel die Abrufmöglichkeit von freien Behindertenparkplätzen mithilfe von Parksensoren. 13 Sensoren können auch dazu genutzt werden, den CO2-Gehalt in Räumen zu überwachen und dadurch das Lüftungsverhalten zu optimieren. Auch die Corona-App zeigt den Nutzen digitaler Technik im Gesundheitsbereich – konkret in Zeiten einer Pandemie. Sie ist eines von vielen Beispielen für Anwendungen auf nationaler Ebene, die Information und kritischer Auseinandersetzung auf lokaler Ebene bedürfen. In Zusammenarbeit mit den Bildungseinrichtungen ist ein zentrales Ziel daher auch die Befähigung der Menschen zu mündigen Bürger*innen im Umgang mit ihren Gesundheitsdaten. Dies beinhaltet einerseits, Vertrauen in digitale Lösungen im Gesundheitsbereich aufzubauen und andererseits ein Bewusstsein für das Risiko zu schaffen, das beispielsweise durch die Sammlung von Daten durch weltweit agierende Unternehmen (Google, Apple, Facebook und Co.) entstehen kann (Marckmann, 2020).

Darüber hinaus sind eine verständliche Wissenschaftskommunikation und ein Austausch mit der Bürgerschaft vonseiten der Forschungseinrichtungen in Ulm sehr wichtig. Hierfür sollten neben der klassischen Pressemitteilung unterschiedliche Medien und Formate genutzt werden, um über andere Kanäle in den sozialen Medien unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen. Außerdem können Multiplikator:innen im Quartier bei konkreten Fragen zur Technik weiterhelfen. Die Vernetzung soll nicht nur zwischen Daten stattfinden, sondern vor allem zwischen den Menschen in der Stadt! Denn der Mensch steht trotz der digitalen Technologien immer im Vordergrund.

Maßnahmen

Nummer

Titel

Beschreibung

01

Ausbau Gesundheitsinfrastruktur

Ausbau der Gesundheitsinfrastruktur mit barrierefreien Zugängen zum Gesundheitssystem, um gesundheitliche Chancenungleichheit zu überwinden.

02

Individueller Zugang zu medizinischer Beratung

Schaffung von Formaten des individuellen Zugangs zu medizinischer Beratung, um gesundheitliche Chancenungleichheit zu überwinden.

03

Schulungs- und Weiterbildungskonzepte für Mitarbeitende

Aufbau von Schulungs- und Weiterbildungskonzepte für Mitarbeitende aus dem Gesundheits- und Pflegebereich, um die Potenziale der digitalen Transformation auszuschöpfen.

04

Robotereinsatz

Roboter können u.a. schwere körperliche Tätigkeiten der Pflegekräfte übernehmen oder digitale Angebote die aufwendige schriftliche Dokumentation erleichtern, sodass mehr Zeit für zwischenmenschliche Interaktionen bleibt und die Gesundheit der Pflegekräfte geschont wird.

05

Echtzeitübersetzungen

Durch Echtzeitübersetzungen in Fremdsprachen oder auch in Leichte Sprache können Barrieren abgebaut, Zugänge geschaffen und Teilhabe ermöglicht werden.

06

Ambient Assisted Living

Ambient Assisted Living Konzepte ermöglichen das Kennenlernen von digitalen Alltagshelfern, um Hemmschwellen und Berührungsängste in Bezug auf technischen Neuerungen abzubauen.

07

Plattformen/Apps zur Stärkung von sorgenden Nachbarschaften

Plattformen/Apps können zur Stärkung von sorgenden Nachbarschaften beitragen, was eine Vernetzung in der Nachbarschaft ermöglicht, sodass Kontakte entstehen, die unkompliziert und kurzfristig Unterstützung anbieten bzw. abfordern können.

08

Telesprechstunden

Telesprechstunden ermöglichen eine Flexibilisierung von Arztbesuchen, da ein Besuch in einer Arztpraxis nicht mehr zwingend notwendig ist.

09

Gamification durch die Verbindung von Daten und Aktivitäten

Die Verknüpfung von Daten und sportlichen Aktivitäten ermöglicht die Integration von spielerischen bzw. kompetitiven Elementen als Anreiz zur sportlichen Betätigung, die ebenfalls bei virtuellen Veranstaltungen eingesetzt werden kann.

10

Sport App

Sport-Apps ermöglichen eine übersichtliche und transparente Darstellung des Sport- und Bewegungsangebots, was die Hemmnisse zur sportlichen Betätigung reduziert.

11

CO2-Sensoren

Sensoren können dazu genutzt werden, den CO2-Gehalt in Räumen zu überwachen und dadurch das Lüftungsverhalten zu optimieren.

12

Wissenschafts-kommunikation in den sozialen Medien

Als Ergänzung zu klassischen Pressemitteilungen ermöglichen die sozialen Medien eine verständliche und direkte Form der Wissenschaftskommunikation.

13

Multiplikator:innen im Quartier

Multiplikator:innen im Quartier können bei konkreten Fragen zur Technik weiterhelfen.


1

Stadt Ulm (2020): Datenethikkonzept für die Stadt Ulm, Seite 3 Unter: https://www.ulm.de/aktuelle-meldungen/z%C3%B6a/oktober-2020/datenethikkonzept-2020_10

2

GD 135/20 Stadt Ulm, 2020: Förderaufruf „Kommunale Pflegekonferenzen BW - Netzwerke für Menschen“.

3

Stadt Ulm, 2019: Integriertes Stadtentwicklungskonzept der Stadt Ulm (ISEK)

4

https://www.tagesschau.de/jugendliche-bewegung-101.html

5

https://www.caritas.de/magazin/kampagne/sozial-braucht-digital/hintergrund/sozialpolitische-forderungen

6

Darauf verweist auch der aktuelle Ulmer Seniorenbericht, der den Aspekt der technischen Unterstützungssysteme ebenso wie das Thema Digitalisierung daher erst im nächsten Seniorenbericht aufgreift (vgl. Seniorenbericht der Stadt Ulm 2018, S. 9)

7

Stadt Ulm, Fachbereich Bildung und Soziales, 2018: Ulmer Seniorenbericht 2018, S. 21

8

Stadt Ulm, Fachbereich Bildung und Soziales, 2018: Ulmer Seniorenbericht 2018, S. 9

9

Stadt Ulm, Abteilung Bildung und Soziales, 2018: Kommunaler Aktionsplan der Stadt Ulm „ulm inklusiv“, S. 24

10

Stadt Ulm, Fachbereich Bildung und Soziales, 2018: Ulmer Seniorenbericht 2018

11

Stadt Ulm, Fachbereich Bildung und Soziales, 23.02.2018: Anlage 2 zu GD 081/18

12

https://www.donaurunning.de/

13

https://sensoren.lorapark.de/14